Katrin Konert – Die letzte Spur an einer leeren Bushaltestelle
15 Jahre · zuletzt gesehen am 1. Januar 2001 · Bergen an der Dumme
Es gibt Orte, die zu unscheinbar sind, um in einer Geschichte vorzukommen, und doch werden sie eines Tages zur Bühne. Bergen an der Dumme – dreitausend Einwohner, eine Hauptstraße, Felder bis zum Horizont, dahinter die ehemalige innerdeutsche Grenze. Hier, an einer einfachen Bushaltestelle, beginnt am Abend des 1. Januar 2001 das Schweigen, das bis heute anhält.
Katrin Konert, fünfzehn Jahre alt, hat den Jahreswechsel mit ihrer Familie und weiteren Verwandten bei einer Silvesterfeier verbracht – offenbar in einem angemieteten Vereinsheim. Was die Eltern nicht wissen: Katrin hat in Bergen einen Freund, doppelt so alt wie sie, eine Beziehung, die sie zuhause verschweigt. Zumindest der Vater weiß nichts davon.
Der mögliche Ablauf, wie er rekonstruiert wurde: Am Nachmittag des 1. Januar holen ihr Freund und ein Kumpel sie mit dessen Auto ab – der Freund selbst hat keines, sein Fahrzeug ist in der Reparatur. Sie verbringen den Nachmittag in seiner Wohnung in Bergen. Der Nachmittag verläuft nicht wie erhofft: Es gibt Streit. Katrin versucht daraufhin, jemanden zu finden, der sie nach Hause fährt – per SMS und Anrufen an Freunde und Bekannte, ohne Erfolg.
Mit einsetzendem Abend und aufziehendem Eisregen spitzt sich ihre Lage zu: Für ein Taxi hat sie nicht genug Geld, das Guthaben ihres Handys – ein Weihnachtsgeschenk – ist fast aufgebraucht. An ihre Schwester schickt sie eine letzte SMS: „Bin um 19 Uhr zu Hause." Es bleibt die letzte bekannte Textnachricht von ihr.
Katrin verlässt die Wohnung ihres Freundes und macht sich zu Fuß auf den Weg zur Bushaltestelle. Inzwischen hat Eisregen eingesetzt, der den Boden in Blitzeis verwandelt. Auf dem Weg dorthin wird sie noch von Bekannten gesehen – darunter ein Pärchen, dessen männlichen Teil sie zuvor noch um eine Mitfahrt gebeten hatte. Er brachte gerade seine Freundin nach Hause und sah Katrin in Höhe einer Kirche auf dem Weg zur Haltestelle. Neben ihm soll es laut aktuellen Ermittlungshinweisen noch eine weitere Person gegeben haben, die Katrin an jenem Abend traf und ihr eine Mitfahrgelegenheit anbot – die sie ablehnte.
Es soll außerdem noch einen kurzen Anruf bei Bekannten gegeben haben – nur wenige Sekunden, ob dabei eine Mailbox erreicht wurde oder kurz etwas besprochen wurde, ist unbekannt. Dann verliert sich ihre Spur.
2018 kommt der Hinweis, der neue Fragen aufwirft.
Über das BKMS-Hinweisportal meldet sich anonym eine Person. Sie gibt an, am Abend des 1. Januar 2001 selbst mit Katrin gesprochen und ihr eine Mitfahrgelegenheit angeboten zu haben – die Katrin abgelehnt habe. Nach einer anderen Darstellung meldete sich ein Dritter, der den Namen und die Adresse dieser Person nannte. Die Ermittler konnten die genannte Person identifizieren und befragen. Sie bestätigte den Kontakt mit Katrin an jenem Abend. Verschiedene Fragen blieben jedoch offen und sind bis heute nicht vollständig überprüfbar.
Der anonyme Hinweisgeber von 2018 hat sich seither trotz mehrfacher Kontaktversuche über das BKMS-System nicht wieder gemeldet. Die Polizei bittet diese Person eindringlich, erneut Kontakt aufzunehmen – direkt oder weiterhin anonym.
Wie sah Katrin zum Zeitpunkt ihres Verschwindens aus?
Katrin war etwa 1,60 Meter groß und schlank. Ihr Haar war schwarz gefärbt und kinnlang – von Natur aus hatte sie dunkelbraune Haare. Am 1. Januar 2001 trug sie eine schwarze Bomberjacke mit auffallend orangefarbenem Innenfutter, eine schwarze Cordhose, schwarze Stiefel und einen weißen Rollkragenpullover.
Was bis heute unklar bleibt.
Seit 2018 führt Kriminalhauptkommissarin Annegret Dau-Rödel die Ermittlungen – sie übernahm den Fall von Kriminaloberkommissar Andreas Rusche, der 17 Jahre lang an diesem Fall gearbeitet hatte und ihn sichtlich persönlich bewegte. Mehr als 170 Hinweise gingen nach einer intensiven Öffentlichkeitskampagne ein, darunter Medienaufrufe, ein NDR-Podcast sowie Flyeraktionen vor Ort. Anfang 2019 wurden großflächig mehrere Waldstücke in der Region durchsucht. Bis heute wurde keine Leiche gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass Katrin getötet wurde – und dass der Täter bereits in den Ermittlungsakten auftaucht.
„Wir gehen davon aus, dass wir den Täter in den Akten haben", sagte ein Polizeisprecher. Mord verjährt nicht.
Wer hat eine Antwort auf folgende Fragen?
Wer ist der oder die anonyme Hinweisgeberin von 2018 – und warum schweigt diese Person seither? Was geschah in den letzten bekannten Minuten, bevor Katrin von der Bushaltestelle verschwand? Wer war in diesem konkreten Zeitfenster noch in der Nähe der Haltestelle? Sind nach dem 1. Januar 2001 Besonderheiten bei Personen in der Region aufgefallen – unerklärte Abwesenheiten, Verletzungen, Verhaltensänderungen, plötzlicher Wegzug?
Und schließlich, in der schlichtesten und schwersten Form: Wo ist Katrin?
Sachdienliche Hinweise bitte an das Polizeikommissariat Lüchow, Telefon 05841/122-0, per E-Mail an poststelle@pk-luechow.polizei.niedersachen.de oder anonym über das Hinweisportal (BKMS) der unter bkms-system.net/katrinkonert und auch an jede andere Polizeidienststelle.