Inga Gehricke – Vom Wald verschluckt

5 Jahre · zuletzt gesehen am 2. Mai 2015 · Wilhelmshof bei Stendal

Es ist ein warmer, fast schon sommerlicher Samstag im Mai, der Tag, an dem Inga Gehricke aus dem Bild verschwindet. Im Diakoniewerk Wilhelmshof bei Uchtspringe trifft sich die Großfamilie zu einem Grillfest. Die Erwachsenen stehen am Feuer, irgendwo läuft Radio, irgendwo lachen Kinder. Auch Inga ist dabei, fünf Jahre alt, blond, klein, anhänglich. Sie wollte offenbar bei der Vorbereitung helfen und spielte am Waldrand. Dann verloren die anderen sie aus den Augen. Es ist eine dieser Bewegungen am Rand einer Familienfeier, die niemand bewusst registriert. Dann ruft jemand. Dann ruft jemand lauter. Dann ruft niemand mehr, weil keine Antwort kommt.

Was als Sorge beginnt, eskaliert binnen Stunden zu der größten Suche, die Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahrzehnten gesehen hat. Hunderte Helferinnen und Helfer von Feuerwehr, THW und Polizei durchkämmen ein Waldstück von rund 3.500 Hektar – eine Fläche so groß wie 4.500 Fußballfelder. Hubschrauber kreisen, Wärmebildkameras suchen, Hundestaffeln sollen die Witterung aufnehmen. Über die Jahre werden mehr als 4.000 Spuren in der Akte erfasst, digital indiziert, abgeglichen, wieder abgeglichen. Aber Inga bleibt verschwunden.

Wenig später bekommt Inga einen Beinamen, mit dem niemand in der Familie etwas anfangen kann: „Die deutsche Maddie“. Die Parallelen zu Madeleine McCann sind, betrachtet man sie aus der Distanz, beklemmend nüchtern: ein kleines Kind, eine vermeintlich behütete Familienumgebung, ein Augenblick der Unaufmerksamkeit – und ein Verschwinden, das jeder Logik widerspricht. Die Polizei vermutet, dass es nicht um einen tragischen Unfall – Sturz in einen Schacht, in einen Brunnen, in einen Tümpel – handelt. So viele Helferinnen und Helfer in einem so eng abgesteckten Areal hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas gefunden. Eine Hypothese der Ermittler ist eher diese: eine geplante oder gelegenheitsmotivierte Entführung durch eine ortskundige Person, die Inga binnen Minuten in ein Fahrzeug bringen konnte. Ein leerstehendes Erdverlies in der Nähe des Geländes wurde geprüft, ein Tatzusammenhang nicht bestätigt. Seit Mai 2023 arbeitet eine Cold-Case-Gruppe der Polizeiinspektion Halle die Akten erneut auf.

 

Gedenkplakat für die seit 2019 vermisste Rebecca Reusch

Auch dieser Fall hat seine Theorien, sorgfältig getrennt voneinander. In den Medien taucht immer wieder der Name Christian B. auf, jener wegen Vergewaltigung verurteilte deutsche Verdächtige im Fall Madeleine McCann. Mehrere Berichte legen Bezüge zu Sachsen-Anhalt zur fraglichen Zeit nahe. Die Polizei hat diesen Strang verfolgt, ein direkter Tatzusammenhang ist bis heute nicht belegt. Der Anwalt eines Bruders der Vermissten wiederum erhebt seit Jahren öffentlich Vorwürfe gegen frühere Ermittler und gegen eine 2018 nach nur elf Tagen wieder eingestellte „unabhängige Prüfgruppe“. Der Digitalforensiker Dirk Labudde hat in Reportagen kritisiert, durch die unkoordiniert frühe Suchaktion seien in den ersten Stunden möglicherweise entscheidende Spuren am potenziellen Tatort vernichtet worden – mit den besten Absichten und doch mit fatalen Folgen. Ganz aktuell hat die Ermittlungsgruppe der Polizei den Fall wieder aufgerollt und sogar das BKA mit ins Boot geholt – in der Hoffnung, ihr Verschwinden doch noch aufklären zu können.

Die Firma True Fruits hat eine Belohnung von 50.000 € ausgelobt für Hinweise, die zur Aufklärung dienen.

Wie sah Inga zum Zeitpunkt ihres Verschwindens aus?

Inga war ein zartes Mädchen von rund 1,20 Meter Größe, mit mittelblondem Haar, hellen Augenbrauen, langen Wimpern und blauen Augen. Beide oberen Schneidezähne fehlten ihr – typisch für ein fünfjähriges Kind im Zahnwechsel. Am 2. Mai 2015 trug sie ein mintfarbenes Langarmshirt mit aufgedruckten Schmetterlingen und Rüschen im Schulterbereich, eine blaue Jeans und auffällig pinkfarbene Schuhe.

Ein Porträtfoto von Rebecca Reusch

Wer hat eine Antwort auf folgende Fragen?

Wer hat Inga nach dem 2. Mai 2015 noch gesehen? Warum haben hunderte Menschen, Hunde und tagelange Helikopterüberflüge nicht eine einzige verlässliche Spur gefunden? Welche Personen mit einschlägiger Vorgeschichte hielten sich am 2. Mai 2015 nachweislich im Raum Stendal auf? Welche Hinweise unter den 4.000 erfassten lassen sich heute, im Lichte digitaler Querverknüpfungen, anders lesen?

Sachdienliche Hinweise bitte an die Polizei in Halle unter der Nummer 0345/2241291, jede andere Polizeidienststelle oder unter www.inga-suche.de.

Inga Gehricke wäre heute sechzehn. Auf den Plakaten lacht sie immer noch in die Kamera, fünf Jahre alt. Es ist das Bild, das die Familie nicht ablegen mag, weil ein anderes Bild nie entstanden ist.