Inga Gehricke – Vom Wald verschluckt
5 Jahre · zuletzt gesehen am 2. Mai 2015 · Wilhelmshof bei Stendal
Es ist ein warmer, fast schon sommerlicher Samstag im Mai, der Tag, an dem Inga Gehricke aus dem Bild verschwindet. Im Wilhelmshof – einer Diakonie-Einrichtung für Suchtkranke und Menschen mit Behinderung, 30 Kilometer westlich von Stendal, umgeben von Wald und über eine einzige Straße mit der Außenwelt verbunden – trifft die Familie Freunde, die dort leben. Gegrillt werden soll. Die Kinder laufen zum Waldrand, um Holz für das Feuer zu sammeln.
Auch Inga ist dabei, vier Jahre alt, blond, klein. Ihr Vater Jens-Uwe sieht sie noch auf dem Fußweg zwischen dem Haus der Freunde und dem Grillplatz – sie trägt zwei große Wasserflaschen, will bei den Vorbereitungen helfen. Zwei andere Kinder sehen sie gegen 18:30 Uhr auf dem Rückweg Richtung Haus. Bis dorthin sind es nur hundert Meter. Dort kommt sie nie an.
Zwischen 18:30 und 19 Uhr fällt auf, dass Inga fehlt. Die Familie sucht sofort, informiert kurz darauf die Polizei. Eine Ermittlerin-Information, die später über die Bild publik wird, nennt einen möglichen Auslöser: Inga soll sich zuvor mit anderen Kindern gestritten haben und weinend weggelaufen sein – offenbar nicht in den Wald, sondern in Richtung eines anderen Spielplatzes, der zur nahen Straße führt. Für diese These gibt es jedoch keine Zeugen.
Was als Sorge beginnt, eskaliert binnen Stunden zu einer der größten Suchaktionen, die Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahrzehnten gesehen hat. Noch in der gleichen Nacht brechen Suchtrupps auf. Tausende Einsatzkräfte durchkämmen ein Gebiet von rund 5.000 Fußballfeldern – Teiche werden ausgepumpt, Spürhunde losgeschickt, Hubschrauber mit Wärmebildkameras fliegen Hof und Wald ab. Hunderte Personen in der Umgebung werden befragt. Keine Kleidungsstücke, keine abgeknickten Äste, keine Kampfspuren. Inga bleibt verschwunden.
Relativ schnell gehen die Ermittler davon aus, dass ein Verbrechen wahrscheinlich ist. Es wird die Ermittlungsgruppe Wald gegründet, die im August 2016 aufgelöst wird. Sie litt anfangs unter Personalnot – einige Beamte der Polizei Stendal waren in neue Fachbereiche versetzt worden, der Chefermittler kam neu aus Magdeburg.
Wenig später bekommt Inga einen Beinamen, mit dem niemand in der Familie etwas anfangen kann: „Die deutsche Maddie". Die Parallelen zu Madeleine McCann sind, betrachtet man sie aus der Distanz, beklemmend nüchtern: ein kleines Kind, eine vermeintlich behütete Umgebung, ein Augenblick der Unaufmerksamkeit – und ein Verschwinden, das jeder Logik widerspricht.
Der Wilhelmshof ist ein besonderer Ermittlungsrahmen: Auf dem Gelände der Diakonie leben auch psychisch kranke Menschen, darunter Gewalt- und Sexualstraftäter, die teilweise unbegleiteten Ausgang haben. Die Ermittler überprüften eine Vielzahl von Personen, darunter Patienten und Besucher. Strafrechtlich ergab sich gegen niemanden ein begründeter Anfangsverdacht. Die Ermittlungen konzentrierten sich dabei ausdrücklich nicht nur auf diesen Personenkreis – es könne, so die Polizei, auch andere Motive geben. Erschwerend kam hinzu: Am Wilhelmshof lebt man nicht nach der Uhr, sondern nach einer Glocke, die zu Mahlzeiten und Gottesdiensten ertönt. Kaum einer der Bewohner konnte daher präzise Angaben zu Zeiten und Aufenthaltsorten machen – die Bewertung des Wahrheitsgehalts der Aussagen war für die Ermittler aufgrund der Persönlichkeitsstrukturen der Menschen dort besonders schwierig.
Im April 2023 beauftragte die sachsen-anhaltische Innenministerin Tamara Zieschang (CDU) eine Einheit aus Halle, die Akte neu zu untersuchen – unabhängig von den Kollegen vor Ort. Einer von Ingas Brüdern, mittlerweile volljährig, hat zudem Anwalt Steffen Jost-Choppe um Hilfe gebeten.
In den Medien taucht immer wieder der Name Christian B. auf – jener wegen Vergewaltigung verurteilte deutsche Verdächtige im Fall Madeleine McCann. Er hatte in der Nähe des Wilhelmshofs ein Grundstück in Sachsen-Anhalt und hatte einen Tag vor Ingas Verschwinden einen Bagatellunfall auf der A2 bei Helmstedt. 2016 wurden auf seinem Grundstück mehrere Datenträger mit kinderpornografischem Material gefunden. Ein Alibi für den 2. Mai 2015 wurde nach Informationen des Transkripts nie überprüft. Die Staatsanwaltschaft zieht bis heute keinen Tatzusammenhang – ein direkter Nachweis ist nicht belegt.
Die Ermittlungsgruppe der Polizei hat den Fall erneut aufgerollt und das Bundeskriminalamt eingebunden – mit dem Ziel, den Fall wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und neue Hinweise zu erhalten. Geplant sind unter anderem eine verstärkte Nutzung der BKA-Verbreitungskanäle, Kampagnen zum Tag der vermissten Kinder sowie eine Darstellung des Falls in der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY. Ein konkreter Sendetermin stand zuletzt noch nicht fest.
Die Firma True Fruits hat eine Belohnung von 50.000 € ausgelobt für Hinweise, die zur Aufklärung dienen.
Wie sah Inga zum Zeitpunkt ihres Verschwindens aus?
Inga war ein zartes Mädchen von rund 1,20 Meter Größe, mit mittelblondem Haar, hellen Augenbrauen, langen Wimpern und blauen Augen. Beide oberen Schneidezähne fehlten ihr – typisch für ein fünfjähriges Kind im Zahnwechsel. Am 2. Mai 2015 trug sie ein mintfarbenes Langarmshirt mit aufgedruckten Schmetterlingen und Rüschen im Schulterbereich, eine blaue Jeans und auffällig pinkfarbene Schuhe.
Wer hat eine Antwort auf folgende Fragen?
Wer hat Inga nach dem 2. Mai 2015 noch gesehen? Warum haben hunderte Menschen, Hunde und tagelange Helikopterüberflüge nicht eine einzige verlässliche Spur gefunden? Welche Personen mit einschlägiger Vorgeschichte hielten sich am 2. Mai 2015 nachweislich im Raum Stendal auf? Was wissen Menschen, die damals auf dem Wilhelmshof lebten, arbeiteten oder zu Besuch waren – und haben bisher nicht alles gesagt?
Sachdienliche Hinweise bitte an die Polizei in Halle unter der Nummer 0345/2241291, jede andere Polizeidienststelle oder unter www.inga-suche.de.
Inga Gehricke wurde am 18. August 2009 geboren. Auf den Plakaten lacht sie immer noch in die Kamera, vier Jahre alt. Es ist das Bild, das die Familie nicht ablegen mag, weil ein anderes Bild nie entstanden ist.