Deborah Sassen – Tausend Schritte vom Schultor nach Hause
8 Jahre · zuletzt gesehen am 13. Februar 1996 · Düsseldorf-Wersten
Es gibt Wege, die ein Kind hundert Mal geht und beim einundhundertsten nicht mehr nach Hause kommt. Düsseldorf-Wersten, am Dienstag, dem 13. Februar 1996. Die achtjährige Deborah Sassen, die jeder „Debbie" nennt, lebt mit ihrer Mutter Dagmar Funke, ihrem Stiefvater Jürgen und ihrer älteren Schwester Anita im Kohlrauschweg.
Der Morgen dieses Tages ist für die Familie besonders: Es ist Dagmars erster Arbeitstag an ihrer neuen Stelle. Sie verabschiedet sich früh von der schlafenden Debbie. Es ist das letzte Mal, dass sie ihre Tochter sieht.
Am Abend zuvor hatte Debbie ihre Kleidung für den Schultag herausgelegt – eine auffällige rote Jacke und eine rote Hose. Diese Kleidung wird später noch eine große Rolle spielen. Morgens um kurz vor acht betritt sie die Henry-Donn-Schule an der Reindorfer Straße. In der letzten Stunde hat sie Schwimmunterricht. Danach hat sie frei. Kurz nach zwölf verlässt sie die Schule durch den Hinterausgang. Eine Mitschülerin sieht sie noch. Vor ihr liegt ein Heimweg von rund einem Kilometer – Wiesdorfer Straße, dann in den Kohlrauschweg. Dort kommt sie nie an.
Gegen 12:30 Uhr kommt Dagmar Funke von der Arbeit nach Hause. Sie rechnet damit, Debbie anzutreffen. Stattdessen läuft ihr Anita entgegen: Debbie ist nicht aus der Schule gekommen. Die Alarmglocken gehen sofort hoch – Debbie war ein verlässliches Kind, das direkt nach Hause kam und nicht einfach irgendwo mitging. Die Familie sucht gemeinsam in der Umgebung. Dagmar Funke startet einen Suchaufruf über das Lokalradio. Am Nachmittag, schließlich auch am Abend, fährt der Stiefvater aufs Revier und meldet Debbie offiziell als vermisst. Einem der Polizisten entfährt dabei ein Satz, den Dagmar Funke nie vergessen wird: „Da brauchen Sie sich gar keine Hoffnungen machen. Ihre Tochter lebt sowieso nicht mehr."
Die Polizei durchkämmt mit Hundertschaften die Umgebung. Eine 14-köpfige Sonderkommission wird eingerichtet. Suchhunde werden eingesetzt. Debbie ist wie vom Erdboden verschluckt.
Dann, Monate später, führt ein konkreter Hinweis die Ermittler zum Halterner Stausee. Ein anonymer Tippgeber beschreibt präzise, er habe seinem besten Freund geholfen, Debbies Leiche am Südufer des Sees zu entsorgen. Der Hinweis ist so detailliert, dass die Polizei keine andere Wahl sieht als zu suchen – und das mit vollem Einsatz. Diensthunde aus Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern durchsuchen das Ufer. Hubschrauber mit Wärmebildkameras kreisen. Hundeführer lassen ihre Tiere über Wasser arbeiten. Sonar wird eingesetzt. Selbst die Bundesmarine rückt zur Unterstützung an. Taucher gehen ins Wasser – und sehen dabei nicht weiter als eine Armeslänge. Wochenlang wird gesucht. Gefunden wird nichts. Als die Suche beendet wird, stellt sich heraus: Es war ein makabrer Scherz. Der Hinweisgeber wird ermittelt, muss sich vor Gericht verantworten und die Kosten des gesamten Polizeieinsatzes tragen.
Weder die Polizei noch Debbies Familie geben auf. Die Familie startet eine landesweite Suchaktion und lässt Bilder von Debbie auf Milchpackungen drucken. Für Suchplakate werden Duplikate ihrer auffälligen roten Kleidung einer lebensgroßen Puppe angezogen und ihr Porträt digital hinzugefügt. Die Polizei überprüft über 2.000 vorbestrafte Sexualstraftäter. Ein Phantombild wird angefertigt: Ein Mann soll mit einem beigefarbenen Auto am Tag des Verschwindens in der Nähe der Schule gesehen worden sein. Er wird nie gefunden. Auch die Überprüfung der Eltern als mögliche Täter – eine routinemäßige Maßnahme, die für Dagmar Funke dennoch traumatisch war, weil ihr Arbeitgeber zunächst ihre Anwesenheit nicht bestätigte – wird eingestellt. Sie kommen nicht in Frage.
Drei Jahre nach dem Verschwinden taucht ein vermeintliches Foto von Debbie auf: Ein Nacktbild auf einer Pornoseite im Internet, das einem Kind zeigt, das Debbie sehr ähnlich sieht. Marcel V., Mitbegründer einer belgischen Kinderschutzinitiative, entdeckt das Bild und spielt es deutschen Behörden zu. Er informiert außerdem eine Berliner Zeitung, die daraus einen großen Aufmacher macht. Dagmar Funke blättert auf die erste Seite und glaubt, ihre Tochter sofort zu erkennen. Dann stellt sich heraus: Das Foto stammt aus einer englischen Zeitschrift aus dem Jahr 1977 – lange bevor Debbie geboren war. Es kann nicht sie sein. Für die Familie ist es ein weiterer tiefer Einbruch. Und Marcel V. selbst entpuppt sich als das Gegenteil dessen, was er vorgab zu sein: Er nutzte sein Image als Kinderporno-Jäger, um selbst Kinderpornografie zu konsumieren. 1998 wird er erstmals verhaftet, 2006 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ein direkter Zusammenhang mit Debbies Fall bestand nie.
Auch in Zusammenhang mit dem Fall des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux hofften die Eltern auf eine Spur. Auch diese führt zu nichts.
1999 trifft die Familie der nächste schwere Schlag. Anita, Debbies große Schwester, ist 16, als Debbie verschwindet. Sie hat von Anfang an das Schlimmste befürchtet – und die Ungewissheit darüber, was mit ihrer kleinen Schwester passiert sein könnte, zerreißt sie. 1999, mit 19 Jahren, nimmt sie sich das Leben. Dagmar Funke wird danach auch von ihrem letzten sozialen Netz verlassen. Bekannte wechseln die Straßenseite. Die eigene Familie billigt die öffentliche Medienpräsenz nicht. Freunde leben ihr Leben weiter. Dagmar Funke trennt sich von ihrem Mann, verlässt Düsseldorf und zieht allein an die Ostsee – nach Eutin. Psychologische Hilfe findet sie nicht: Psychiater versuchen, sie in Schubladen zu pressen, die nicht passen.
Am 26. und 27. Januar 2026 – knapp 30 Jahre nach dem Verschwinden – durchsuchen Beamte der Mordkommission, Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei und Spezialisten des BKA mehrere Häuser und Wohnungen in Düsseldorf. Im Fokus steht ein Objekt in einer ruhigen Wohngegend in Wersten, nahe dem Uni-See und dem Brückerbach, nur wenige hundert Meter von Debbies Grundschule entfernt. Eine Sickergrube in einer Garageneinfahrt wird entleert, der Schlamm in einem Container auf der Straße von Kriminaltechnikern untersucht. Beweismittel werden gesichert. Die Auswertungen laufen.
Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen – von Mord – aus. Die Akte wurde nie geschlossen.
Wie sah Deborah („Debbie") zum Zeitpunkt ihres Verschwindens aus?
Debbie war ein zierliches Kind von rund 1,20 Meter Größe, mit hellblonden, glatten, schulterlangen Haaren. Am 13. Februar 1996 fiel sie bewusst farbig auf: rote gemusterte Strumpfhose, dunkelroter Rock mit weißem Muster, eine bunte, gestreifte Weste, eine rote, knielange Daunenjacke und hohe braune Schnürschuhe. Auf dem Rücken trug sie einen McNeill-Schultornister und den Turnbeutel mit ihren Schwimmsachen darin – ein Detail, das ihre Mutter über Jahrzehnte nicht losgelassen hat.
Wer hat eine Antwort auf folgende Fragen?
Wer fuhr am 13. Februar 1996 nach zwölf Uhr den beigen Pkw im Bereich der Henry-Donn-Schule? Was geschah auf dem Heimweg zwischen Schule und Kohlrauschweg? Gibt es Menschen, die damals etwas gesehen oder gewusst haben und bis heute schweigen – weil sich Beziehungen verändert haben, weil das Gewissen mit den Jahren schwerer wird?
Sachdienliche Hinweise bitte an das Düsseldorfer Kriminalkommissariat unter der Telefonnummer 0211 870-0 oder jede andere Polizeidienststelle.
Dagmar Funke glaubt bis heute, dass ihre Tochter lebt. Sie wartet auf den Tag, an dem sie es wissen wird. Nicht um abzuschließen – sondern um endlich einen Ort zu haben, an den sie gehen kann. Einen Stein. Einen Namen. Etwas, das Bestand hat.