Tanja Mühlinghaus – Sie schrieb Briefe, aber war das freiwillig?
15 Jahre · zuletzt gesehen am 21. Oktober 1998 · Wuppertal
Es gibt Vermisstenfälle, in denen das Schweigen total ist – und es gibt Fälle, in denen das Schweigen mit zwei handgeschriebenen Briefen unterbrochen wird, was die Sache nicht weniger rätselhaft macht, sondern noch viel mehr.
Tanja Mühlinghaus, fünfzehn Jahre alt, wächst im Wuppertaler Nordosten auf, geht in die zehnte Klasse des Carl-Duisberg-Gymnasiums. Sie ist ein typischer Teenager: streitet mit den Eltern, spricht davon, mit achtzehn auszuziehen oder früher in eine Wohngruppe zu wollen. Sie legt viel Wert auf ihr Äußeres, hat sich sogar als Bravo-Girl beworben, Kosmetik und Mode sind ihr wichtig. Sie geht tanzen und versucht, eine Praktikantenstelle beim Musical „Grease" zu bekommen. Am Vorabend des 21. Oktober 1998 gibt es zu Hause Streit.
Am nächsten Morgen ruft Tanja ihre Mutter Elisabeth Kronauer – so ihr Mädchenname nach der Scheidung – im Büro an und bittet sie, sie von der Schule abzuholen. Um kurz vor zwei Uhr wartet Elisabeth Kronauer an der Schule. Tanja kommt nicht. Gegen halb sechs ruft Tanjas damalige Freundin an und fragt, wie es der „kranken Tanja" gehe. Da erfährt die Mutter: Tanja war den ganzen Tag nicht in der Schule. Noch am Abend geht die Familie zur Polizei. Das Taschengeld hatte Tanja nicht aus der Kasse mitgenommen. Das Sparbuch liegt noch an der alten Stelle.
Die ersten Tage laufen wie in vielen Fällen mit einem fünfzehnjährigen Mädchen mit familiären Spannungen: Die Hypothese, sie sei weggelaufen, erscheint zunächst plausibel. Dann kommt der erste Brief. Am Tag nach dem Verschwinden trifft er bei den Eltern ein. Sein Inhalt: Es gehe ihr gut, man solle nicht nach ihr suchen, sie werde in zwei bis drei Wochen zurückkehren. Sie bittet die Eltern, sich um die Hasen und das Babysitten zu kümmern. Am 24. Oktober folgt ein zweiter Brief – das letzte bekannte Lebenszeichen von Tanja. Sie kündigt darin ihre Rückkehr bereits für das kommende Wochenende an.
Als dieses Wochenende vergeht, ohne dass Tanja erscheint, kleben Wolfgang und Elisabeth Mühlinghaus ab dem 2. November Suchanzeigen an jede erdenkliche Stelle in Wuppertal. Kurz darauf gibt es erste Sichtungsberichte: Eine Nachbarin, ein neunjähriges Nachbarskind und ein Klassenkamerad wollen Tanja in Wuppertal gesehen haben – mit veränderter Optik, einmal mit rötlichen Haaren, einmal mit blonden Haaren und roten Strähnen. Tanja veränderte ihr Äußeres nach Aussage ihrer Mutter ohnehin sehr häufig.
Das Landeskriminalamt nimmt die beiden Briefe genau unter die Lupe. Das handschriftliche Gutachten belegt: Es ist Tanjas Schrift, sie hat die Briefe selbst geschrieben. Die Klebelaschen der Umschläge weisen ihre DNA auf – sie hat sie selbst zugeklebt. Doch dann das Rätsel: Die Briefmarken wurden nicht von ihr aufgeklebt. Sie müssen auf andere Weise auf die Umschläge gelangt sein. Dazu kommt: Tanjas sonstiger Schreibstil – lange, verschachtelte Sätze – ist in den Briefen nicht zu erkennen. Stattdessen: kurze, prägnante Sätze, sorgfältig gewähltes Vokabular. Ob die Briefe diktiert wurden oder Tanja sie unter Druck schrieb, lässt sich nicht abschließend sagen. Eingeworfen wurden sie im Briefzentrumsbereich Düsseldorf – damals ein großes Gebiet, das den gesamten Kreis Mettmann und Wuppertal umfasste.
Über die Jahre gehen mehrere hundert Hinweise bei der Wuppertaler Kriminalpolizei ein. Keiner führt zu Tanja. Polizeisprecher Alexander Kresta vom Polizeipräsidium Wuppertal macht deutlich, wie schwierig der Fall ist: Es gibt keinen einzigen Zeugen, der bestätigt, dass Tanja an jenem Morgen das Haus verlassen und den Schulweg eingeschlagen hat. Tanja war kein Mädchen aus dem Drogen- oder Rotlichtmilieu, sie führte ein beschauliches Leben in einer intakten Familie. Die Polizei muss davon ausgehen, dass sie Opfer eines Verbrechens wurde.
Im November 2011 geht Elisabeth Kronauer zu „Aktenzeichen XY ungelöst" und bittet öffentlich um Hinweise. Daraufhin meldet sich ein Mann namens Daniel S. mit einer 74-seitigen Aussage. Er behauptet, Tanja 1999 in einer Frankfurter Drückerkolonne kennengelernt zu haben. Die beiden seien ein Paar geworden. 2001 hätten sie gemeinsam die Flucht geplant, seien aber erwischt worden – und er habe mitansehen müssen, wie Tanja vom Chef der Drückerkolonne niedergeschossen wurde. Ob sie überlebte, könne er nicht sagen. Jahre später behauptet er, sie habe überlebt, und er habe sogar eine gemeinsame Tochter mit ihr: Janine Alissa.
Elisabeth Kronauer trifft Daniel S. in der JVA Wolfenbüttel, wo er eine Haftstrafe absitzt. Sie erhofft sich den entscheidenden Hinweis. Er wird sogar aus der Haft geholt, um angebliche Tatorte zu zeigen – ohne jedes Ergebnis. Die Polizei stuft ihn eindeutig als Hochstapler und Betrüger ein: Keine seiner Angaben ist nachvollziehbar oder glaubwürdig. Schließlich plant er gemeinsam mit Elisabeth ein Treffen in Wuppertal für März 2015 – das durch eine angebliche Nachricht von „Tanja" in letzter Minute abgesagt wird. Noch am selben Tag bricht Daniel S. den Kontakt zu Elisabeth Kronauer ab. Sie ist sich danach sicher: Er hat sie monatelang belogen.
Der Fall ist inzwischen ein Cold Case. Alle Akten wurden digitalisiert. Tanjas DNA wird regelmäßig mit aktuellen Vermissten- und Tötungsdelikten abgeglichen – die Akte gilt als geöffnet. Jeder neu eingehende Hinweis wird aufgenommen und, wenn möglich, verfolgt.
Wie sah Tanja zum Zeitpunkt ihres Verschwindens aus?
Tanja war fünfzehn Jahre alt und legte großen Wert auf ihr Äußeres. Sie veränderte ihre Optik häufig – ihre natürliche Haarfarbe war dunkelblond bis braun. Auf dem offiziell genutzten Fahndungsfoto sieht man ein hübsches junges Mädchen. Ein digital gealtertes Bild zeigt, wie sie im Jahr 2018 ausgesehen haben könnte.
Wer hat eine Antwort auf folgende Fragen?
Wer hat die Briefmarken auf Tanjas Briefe aufgeklebt – und war diese Person dabei, als Tanja schrieb? Warum gibt es keinen einzigen Zeugen, der Tanja an jenem Morgen auf dem Schulweg gesehen hat? Gibt es Menschen, die damals etwas wussten oder wissen – und bis heute schweigen?
Sachdienliche Hinweise bitte an das Polizeipräsidium Wuppertal unter der Telefonnummer 0202/284-0 oder an jede andere Polizeidienststelle.
Tanja Mühlinghaus wäre heute einundvierzig Jahre alt. Bei einem ihrer letzten Fernsehinterviews formulierte ihre Mutter Elisabeth Kronauer eine Hoffnung, die auch nach fast drei Jahrzehnten nicht erloschen ist: „Sie könnte morgen kommen und sagen: Mama, hier bin ich." Und: „Wenn ich wieder höre, dass irgendwo eine Leiche gefunden wurde, denke ich manchmal: Gott sei Dank, es war ja nur ein Mann." Es ist die Art von Satz, die einen lange nicht loslässt.