Sandra Wißmann – Ein Geschenk für Mama, das niemand öffnen konnte
12 Jahre · zuletzt gesehen am 28. November 2000 · Berlin-Kreuzberg
Es ist die Sorte Tag, an der nichts passieren sollte. Dienstag, der 28. November 2000, später Nachmittag in Berlin-Kreuzberg, das Licht gelb, die Luft kalt. Sandra Wißmann, zwölf Jahre alt, verabschiedet sich von ihrer Mutter an der Ecke Kottbusser Damm und Böckhstraße. Sie will allein gehen – das ist ihr wichtig, das hat sie verhandelt: Sie ist groß genug, um ohne ihre Mutter ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Ziel ist Karstadt am Hermannplatz, Luftlinie keine fünfhundert Meter entfernt. Eine Strecke, die sie kennt. Ein Stadtteil, in dem sie zuhause ist. Um 16.40 Uhr wollen sie Schulkameradinnen aus der Lemgo-Grundschule noch gesehen haben, ein paar Häuser von der Böckhstraße entfernt. Danach: nichts. Kein Anruf, keine Sichtung, kein Hinweis. Die fünfhundert Meter zwischen Bürknerstraße und Hermannplatz sind wohl nie zurückgelegt worden, jedenfalls nicht von ihr.
Was als beunruhigende Verspätung beginnt, wird zu einem der meistdiskutierten Vermisstenfälle Berlins der frühen 2000er Jahre. Sandra hat kein Mobiltelefon, kein Internetprofil, keinen Streit zu Hause, keinen erkennbaren Fluchtgrund. Sie wollte ihrer Mutter etwas schenken. Über die Jahre werden mehr als zwanzig substantielle Hinweise bearbeitet, ohne Aufklärung. Blutspuren, die im Umfeld der Böckhstraße gefunden werden, ergeben in der DNA-Analyse keinen Treffer auf Sandra – sie stammen nicht von ihr, ihre Bedeutung bleibt offen. Die Polizei Berlin lobt eine Belohnung von 5.000 Euro aus. Der Fall läuft in „Aktenzeichen XY ungelöst“, in Boulevardzeitungen, in True-Crime-Formaten. Zentrale Hypothese der Ermittler: Sandra wurde auf dem kurzen Weg zwischen Kottbusser Damm und Hermannplatz in ein Fahrzeug oder einen Hauseingang gezogen. Die Tat dürfte demnach von einem Mann aus dem örtlichen Umfeld begangen worden sein, der entweder gezielt auf ein Kind dieses Profils gewartet oder sich spontan an Sandra herangemacht hat.
Es gibt eine Spur, die seit Jahren wie ein dunkler Schatten über dem Fall liegt. Kurz vor Sandras Verschwinden soll ein Mann am Kottbusser Damm / Böckhstraße ein dreizehnjähriges Mädchen angesprochen und gebeten haben, ihm beim Halten einer Wasserwaage zu helfen. Das Mädchen lehnte ab. Sie beschrieb den Mann später als mittleren Alters, klein, untersetzt.
In Foren und Reportagen ist er seither der „Wasserwaagen-Mann“ – ein Phantom, das die Polizei trotz intensiver Bemühungen nie identifizieren konnte. Es ist die Art von Detail, die einen Fall in das kollektive Gedächtnis brennt: ein vermeintlich harmloser Vorwand, ein Werkzeug aus dem Heimwerkerregal, ein Mann, der ein Kind bittet, „nur kurz zu helfen“. Wer dieser Mann war, ob er überhaupt mit Sandras Verschwinden zu tun hatte, bleibt ungeklärt. Internet-Communities prüfen seit Jahren mögliche Verbindungen zu anderen ungeklärten Berliner Fällen aus den frühen 2000er Jahren – polizeilich ist nichts davon bestätigt.
Was Sandra unverwechselbar macht in der Reihe der Fälle, ist ihre Motivation an jenem Tag. Sie war auf dem Weg zu einem Geschenk. Ein Kindergeschenk, vermutlich klein, vermutlich liebevoll ausgesucht, vermutlich mit dem Taschengeld gerade so erschwinglich. Es ist die Geste, die Mütter manchmal mehr berührt als jede Geburtstagstorte: dass ein Kind allein loszieht, um ihnen eine Freude zu machen. Diese Geste ist in der Bürknerstraße abgebrochen, an einem Punkt, der heute kein Mahnmal trägt, weil Berlin nicht in jeder Straße eines tragen kann. Sandras Mutter hat in den Jahren danach mehrfach öffentlich gesprochen, leise, gefasst, ohne Anklage.
Wie sah Sandra zum Zeitpunkt ihres Verschwindens aus?
Sandra war für ihr Alter auffallend groß: rund 1,60 Meter bei zwölf Jahren, schlank bis sportlich, mit langen, dunkelblonden Haaren und braunen Augen. Am Spätnachmittag des 28. November 2000 trug sie eine schwarze Jeans, einen dunkel gemusterten Pullover in Braun-Bordeaux-Schwarz, eine halblange blaue Winter-Steppjacke und schwarze Stiefel.
Wer hat eine Antwort auf folgende Fragen?
Wer ist der „Wasserwaagen-Mann“, und warum wurde er nie identifiziert? Warum gibt es zwischen Bürknerstraße und Hermannplatz keinerlei weitere Sichtung in einem dichten Stadtviertel? Wem gehörten die Blutspuren in Tatortnähe – und in welchem Zusammenhang stehen sie?
Sachdienliche Hinweise bitte an die 5. Mordkommission des Landeskriminalamts Berlin unter der Rufnummer (030) 4664 – 91 15 00 oder an jede andere Polizeidienststelle.
Über zwei Jahrzehnte später bleibt Sandra Wißmann ein Berliner Schatten – eine Zwölfjährige, die ihrer Mutter eine Freude machen wollte und deren Geschenk niemand mehr ausgepackt hat. Sandra wäre heute Mitte dreißig.