Hilal Ercan – Ein Kinderlachen, das in Hamburgs Straßen verstummte

10 Jahre · zuletzt gesehen am 27. Januar 1999 · Hamburg-Lurup

Es gibt Geschichten, die mit einem guten Zeugnis beginnen und mit einer offenen Wohnungstür enden. Am Mittwoch, dem 27. Januar 1999, kommt die zehnjährige Hilal aus der Schule, das Halbjahreszeugnis in der Schultasche, die Noten so gut, dass es eine Belohnung gibt. Sie darf sich ein Kaugummi kaufen. Hilal lebt mit ihren Eltern und Geschwistern in Hamburg-Lurup, nur etwa hundert Meter von der Elbgaupassage entfernt. Sie verlässt das Haus und um 13:15 Uhr kauft sie sich das Kaugummi in der Passage. Zeugen wollen sie noch im Eingangsbereich gesehen haben. Dann hört das Bild auf. Hilal kommt nie wieder nach Hause.

Um 17 Uhr melden die Eltern ihre Tochter bei der Polizei als vermisst. Auch nach zwei Tagen bleibt das Mädchen verschwunden. Die Familie – Hilals Eltern, ihr zwölfjähriger Bruder Abbas und ihre jüngere Schwester Fatma – sucht mit selbstgemachten Flugblättern. Die Polizei verteilt Handzettel. Fünf Wochen nach dem Verschwinden durchsucht die Bereitschaftspolizei den Hamburger Volkspark – ohne Erfolg.

Zwei Wochen nach dem Verschwinden ist für die Ermittler eines wahrscheinlich: Es liegt ein Verbrechen vor. Ob Entführung, Sexualdelikt oder etwas anderes, ist zu diesem Zeitpunkt noch offen.

Was dann folgt, wird später als einer der größten Ermittlungsfehler des Falls bewertet. Die Soko – sie heißt nicht Hilal, sondern Morgenland – gerät in eine falsche Richtung. Im Fokus steht Hilals Großmutter Fatma D. Sie hatte bei ihrer Aussage über ihren Aufenthaltsort am Tattag gelogen. Der Grund, wie sich später herausstellt: Sie hatte sich mit ihrem Ex-Mann getroffen und wollte das vor der Familie verbergen. Die Ermittler ziehen daraus weitreichende Schlüsse: Sie vermuten, die Familie habe Hilal in die Türkei entführt, um sie dort zu verheiraten oder sie wieder den kulturellen Gepflogenheiten zuzuführen. Monatelang ist die Großmutter Hauptverdächtige. In der Türkei findet sich keine Spur von Hilal. Die Familienthese erweist sich als haltlos – und wertvolle Zeit ist verstrichen.

Gedenkplakat für die seit 1999 vermisste Hilal Ercan

„Man hat sehr, sehr viel Zeit verschenkt", sagt Philip Hammerich, der Anwalt der Familie, der das Mandat seit Jahren pro bono führt. Er konzentriert sich auf den 205 Hektar großen Hamburger Volkspark, Hamburgs größten öffentlichen Park, nur 1,5 Kilometer von Hilals Wohnort entfernt.

Am 27. April 2005 gesteht Dirk A., ein verurteilter Sexualstraftäter, in der Psychiatrie, er habe Hilal getötet und im Volkspark vergraben. Noch während die Polizei dort gräbt, widerruft er das Geständnis. Er bleibt dennoch Hauptverdächtiger – auch weil es Hinweise gibt, dass er Hilal gekannt hat. Nachweisen lässt sich ihm nichts. „Der hinreichende Tatverdacht ist nach Aktenlage nicht da", sagt Hammerich.

Am 12. Oktober 2022 suchen Polizei und Staatsanwaltschaft erneut auf einem Grundstück am Hamburger Volkspark nach Hilal – diesmal mit Bodenradar. Anlass ist ein privater Spürhund, den Hammerich engagiert hatte und der dort menschliche Überreste gewittert haben soll. Auch diese Spur führt nicht zu Hilal.

2016 wird der Fall offiziell zum Cold Case. Doch die Ermittlungen sind nicht eingestellt. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat 20.000 € ausgelobt, zusätzlich hat das Unternehmen True Fruits weitere 100.000 € ausgelobt. Insgesamt sind also bis zu 120.000 € Belohnung im Umlauf für Hinweise ausgelobt– für Hinweise, die zu Hilal oder zum mutmaßlichen Täter führen. Die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein lassen seit 2021 einen Linienbus mit Hilals Foto und einem Zeugenaufruf durch die Stadt fahren – ein Bus, der durch die Straßen rollt, an Schulen vorbei, vor Spielplätzen hält, und dabei eine Frage stellt, die niemand mehr stellen wollte.

Während Hilals Eltern die Öffentlichkeit zunehmend meiden, kämpft ihr Bruder Abbas gegen das Vergessen. Mit Fahndungsaufrufen auf T-Shirts und Gedenkveranstaltungen appelliert er an die Öffentlichkeit. Er war zwölf Jahre alt, als seine kleine Schwester verschwand. „Das Schwerste ist, dass es nicht aufgeklärt ist", sagt er. „Ich möchte, dass meine Eltern die Wahrheit erfahren – und vielleicht eventuell ein Grab haben."

Wie sah Hilal zum Zeitpunkt ihres Verschwindens aus?

Hilal war etwa 1,40 Meter groß, schlank, mit langen, glatten, schwarzen Haaren – die meisten Erinnerungen aus der Schule beschreiben sie als „dunkel und freundlich gleichzeitig". Am 27. Januar 1999 trug sie ein orangefarbenes Polohemd mit schwarzem Kragen, einen schwarz-weiß gemusterten Anorak, eine schwarze Jeans und schwarze Schuhe mit Plateausohle.

Ein Porträtfoto von Hilal Ercan

Wer hat eine Antwort auf folgende Fragen?

Wer hat Hilal nach 13:15 Uhr am 27. Januar 1999 im oder in der Nähe der Elbgaupassage gesehen? Warum widerrief Dirk A. sein Geständnis ausgerechnet in dem Moment, in dem die Polizei den von ihm bezeichneten Ort durchsuchte – und was weiß er wirklich? Gibt es Menschen, die damals etwas gesehen oder gehört haben und bis heute schweigen – weil sich Beziehungen verändert haben, weil die Zeit vergangen ist, weil das Gewissen schwerer wird?

Sachdienliche Hinweise bitte an alle Polizeidienststellen, insbesondere das Landeskriminalamt Hamburg, Telefon 040 4286–56789, oder unter hilalercan.de.

Abbas Ercan hat einmal gesagt, er wolle, dass seine Familie die Wahrheit erfährt – und vielleicht einen Ort bekommt, an den sie gehen kann. Einen Stein. Einen Namen. Eine Stelle Erde. Es ist die einfachste, älteste Form der Erinnerung, die einer Familie zusteht. Hilal, zehn Jahre alt am 27. Januar 1999, wurde ihnen genommen. Niemand hat sie ihnen zurückgegeben.